China - ein Kommentar

 "China, China, China, China. China! China! China!" - Donald Trump (Klick!)

China ist derzeit das Land in aller Munde. Der heiße Neuling auf der Weltbühne. Die fabulöse, kommende Supermacht. Glohrreiches Versprechen auf fette Märkte, fette Gewinne und noch fettere Boni.




Zuallererst aber ist China eine ganz hervorragende Projektionsfläche für all die europäischen Sorgen, Ängste und mehr oder minder dystopischen Zukunftsvisionen. Wer hat nicht gehört von den außerirdisch kontinuierlich anmutenden Wirtschaftswachstumsraten über der 7%-Marke? Von der Investitionsflut, die europäische Häfen, Provinzflughäfen und Windparks in die Hände chinesischer Staatsunternehmen spült (klasse Übersicht eines amerikanischem Medienunternehmens: hier)? Oder der schillernden Seidenstraße 2.0 (original Name: One Belt One Road Initiative; für eine klitzekleine, englischsprachige Einführung des Guardians: hier), bei der ein Netzwerk aus Straßen, Schienen und Häfen die alten Handelsrouten von Asien nach Europa reaktivieren soll.

Wann immer man von China hört, geht es um Superlative. Milliarden an Menschen, die innerhalb von Wochen gewaltige Städte aus dem Nichts stampfen. Milliarden an Handelsüberschüssen, die zu Billionen von ausländischen Geldreserven aufgehäuft werden. Kein Tag vergeht in der China nicht bei irgendeinem Ranking die vormalige Nummer Eins enttrohnt. Panik gibt es gerade in den Medien genug, aber droht der westlichen Welt wirklich der baldige Untergang?

Tiananmen Square


Woher kommt das Unbehagen?

Seit längerem leben wir unter der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Vorherrschaft der USA. Mit tollen Kürzeln wie NATO, UN, WTO oder IMF hat der amerikanische Hegemon der Welt unter aktiver Beihilfe Europas seine ureigene Vorstellung von einer internationalen Ordnung eingeimpft.

Die Gesellschaften Europas haben sehr bereitwillig den amerikanischen Heldenepos übernommen; Popsternchen aus Übersee dominieren das Musikgeschäft und zum Faulenzen schauen wir die neuesten Heldenstreifen aus Hollywood. Das große Vorbild in Kultur und Wirtschaft ist amerikanischer Natur. Das neue Silicon-Valley soll überall in europäischen Metropolen Einzug erhalten. Wenn wir in die Zukunft schauen, sehen wir US-amerikanische Visionen.

Das Leben unter einem kulturell verwandten Hegemon ist bekannt, gemütlich und kann wunderbar einfach als europäische Lebensart umgedeutet und angegeglichen werden (besteht die Supermacht doch größtenteils aus Nachfahren europäischer Siedler und Auswanderer). Eine Änderung der Machtverhältnisse auf der Weltbühne gefährdet Europas bequeme Rolle des moralisch erhabenen kleinen Bruders. Wir sollten uns also bewusst sein, dass ein rassistisches Motiv unsere Zuschauerrolle in der Dämmerung eines asiatischen Aufschwungs begleitet.

Hochmoderner Science Park, oder auch: eine ganz normale Straße in Beijing

Das Fragezeichen hinter der kommenden Supermacht

China ist bekanntermaßen ein Land in rapidem Wandel. Und wenn sich etwas im Wandel befindet, heißt das, es gibt eine große Menge Alt und Neu, die nebeneinander existieren. Ein anekdotenhaftes Beispiel: In Mitten der Hochglanzwolkenkratzer Bejings finden wir nicht nur Fahrräder zur Smartphone-Ausleihe, sondern zwei uralte riesige Steinplatten mit einer Kurbelstange - eine Steinmühle. Fern von einem nostalgischen Ausstellungsstück dient die jahrundertalte Technik der umliegenden Einwohnerschaft noch immer als Mehlquelle.

Das moderne, aufstrebende Chnia, das ist vor allem der Osten: die Provinzen, die mit dem Zugang zum Ozean auch den Zugang zum Weltmarkt besitzen. Während man also die Küste Chinas mit ihrem industriellen Hinterland hinunterfährt, durchzieht man Metropole nach Metropole (zumindest der Einwohnerzahl nach). Auf unserer Reise haben wir uns gegen diesen hochmodernen Millionen-Städtegürtel zwischen Pazifik und Bergebene entschieden und für einen Blick in die dörflich geprägte Landschaft der Innlandsprovinzen.

42% der Chinesen leben noch immer außerhalb der Ballungszentren (zum Vergleich 33% in Deutschland und nur  20% der Bevölkerung in den USA). 42% einer Bevökerung von 1,4 Milliarden machen fast 600 Millionen - ein Haufen an Menschen größer als alle Europäer zusammengenommen - die in Dörfern ihr Leben lebt. Anders als (zumeist) in Deutschland sieht man den Dörfern in China ihre Entfernung von der ökonomischen und politischen Bedeutung sehr deutlich an. Veraltete Traktoren nehmen hier ihre letzten Atemzüge und die 70-Jährige verdient mit der Hacke auf dem Feld ihr Abendbrot. Die Modernisierung hat China noch nicht bis in die Tiefen durchdrungen- anders als in vielen klassischen Industriestaaten des Westens. Zwei Bilder, die das verdeutlichen können, zeigen die Regionen Chinas (2014) und Deutschlands (2017) gefärbt entsprechend des Human Development Index.


https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_administrative_divisions_of_Greater_China_by_Human_Development_Index


Das China, das per Hochgeschwindigkeitszüge zu immer neuen Rekorden schnellt, liegt im Osten und in den politisch wichtigen Zentren. Das China der Dörfer und Handarbeit müht sich im Westen und komplementiert China als Land vieler gleichzeitiger Geschwindigkeiten. Die Spanne zwischen ihrer Enwicklung ist enorm: lebt es sich in den politischen Zentren wie Bejing oder den wirtschaftlichen Zugpferden wie Shanghai oder Hong Kong mit vergleichbar viel Wohlstand und Perspektive wie in Deutschland, sind die Lebensumstände in den Westprovinzen (z.B. Gansu, Yunnan oder Tibet) vergleichbar mit Bolivien, Kirgisistan oder Kenya (klasse Übersicht und Vergleichswerte als Geheimtipp für schlaflose Nächte: hier).

Zum Vergleich: In Deutschland ähneln sich die Lebensumstände zwischen den Bundesländern viel mehr. Egal, ob man im dörflicher geprägten Norden oder im wirtschaftlich einflussreicheren Süden lebt, die Lebensaussichten (Wohlstand, Bildung, Lebenserwartung) sind annähernd gleich gut. Wären die Bilder in einer einheitlichen Skala dargestellt, wäre Deutschland bis auf Sachsen-Anhalt einfarbig dunkelgrün markiert.
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_German_states_by_Human_Development_Index


Doch nicht nur die Entwicklungskluft zwischen Ost und West, dörflichen und urbanen Lebensweisen stellt die chinesische Regierung vor eine große Herausforderung. Jahrzehntelang hat die Partei mit gewisser Härte die Ein-Kind-Politik durchgesetzt. Eine Agenda, die neben einer unpräzidierten und vollkommen rücksichtslosen Einmischung in die privateste aller Sphären von Menschen auch eine verheerender Auswirkung auf die Bevölkerungsstruktur des Landes nach sich zog: der Anteil jüngerer Menschen ist desolat niedrig. Wird die Elterngeneration in 20 Jahren ihre Arbeit niederlegen, um in den Ruhestand zu gehen, gibt es nicht genug junge Hände, um ebenjene wiederaufzunehmen. Spitz und ein bisschen zynisch: dem Land der billigen Arbeitskraft gehen die Arbeitskräfte aus.

Das beudeutet ein ganz ähnliches Dilemma für die chinesische Gesellschaft und ihr Rentensystem wie das Alterungsproblem in Deutschland oder Japan. Immer weniger junge Menschen müssen für die Rente immer mehr alter aufkommen. Wie gibt man jeder Gruppe genug ohne Wirtschaft abzudrosseln oder sozialen Aufstand anzuzetteln? Wohin transformiert man eine Gesellschaft, die aufgebaut auf den Drang wirtschaftlichen Wachstums aus einem immer größeren Anteil nicht-erwerbsfähiger Menschen besteht? Anders als Deutschland muss China sich bei dieser Frage auch mit der Verschiedenheit seiner Entwicklungstempi auseinandersetzen.

Auch für China wird es also kein Selbstläufer sich zu einer dominierenden Supermacht aufzuschwingen. Eine sich abkühlende Wirtschaft, eine Abhängigkeit von einem globalisierten Handelssystem, ein aufkommendes Demographieproblem und eine fehlende Durchmodernisierung sind nur einige der Aufgaben, die China in näherer Zeit lösen muss, um ihre neu gewonnene politische Macht einzuzementieren, bevor der Zenit des fabulösen Aufstiegs überschritten ist.
Ist das Zeitfenster, in dem China der Welt dauerhaft seinen kulturellen Stempel aufdrücken kann, auch ein knapp bemessenes, so besteht diese Möglichkeit doch trotzdem.

Was können wir an kulturellem Import erwarten?


Um einen Eindruck von den potentiellen kulturellen Auswirkungen einer chinesischen Supermacht à la den Vereinigten Staaten zu bekommen, müssen wir die dominanten Charakterzüge chinesischer Kultur kennen lernen. Eine Aufgabe zu groß für diesen Eintrag und zu komplex für die Köpfe und Erfahrung dieser Schreiberlinge. Aber auf unseren Reisen durch China sind uns doch einige bemerkenswerte Eigenheiten aufgefallen, die möglicherweise durch eine asiatische Supermacht in der Welt größere Verbreitung finden könnte.


Noch immer das nationale Idol

Ordnung, Sicherheit und Sicherheitsbedürfnis

Das Sicherheitsbedürfnis der Chinesen ist immens. Mit seinen Millionen Kamera-Augen schaut der große Bruder in die letzte Sackgasse. Halt gemacht wird nicht an Bahnhöfen, Halt gemacht wird nicht entlang der Straßen und Halt gemacht wird sicherlich nicht im kleinsten Einkaufsladen oder dem Dorfplatz des hinterletzten Kaffs. Sicherheitskameras gibt es überall. 200.000.000 sollen es derzeit sein und weitere 500.000.000 sind in den nächsten drei Jahren geplant. Einige Experten sprechen davon, dass China ein automatisches Gesichtserkennungsprogramm (mit künstlicher Intelligenz, auch hier ist China weltweit führend) entwickelt hat. In Minuntenschnelle kann jede beliebige Person (von der es mehrere Beispielphotos besitzt) überall im Land geortet werden. Von potentiell gefährlichen oder für gefährlich gehaltenen Personen werden Sprachproben genommen für eine bessere Zuordnung auch der Spracherkennung.

Natürlich ist der angebliche Nutzen riesig, denn man kann damit Verbrechen aufklären und die Gesuchten auch noch binnen Minuten ausfindig machen. Alles im Namen der Sicherheit. Doch auch das Missbrauchspotential ist gewaltig. Gesichtserkennung wird jetzt schon in einigen Städten beispielsweise dafür genutzt, um Menschen zu erkennen, die über rote Apeln gehen, um sie dann öffentlich für ihr Vergehen anzuprangern.

Für uns war die Omnipräsenz der Kameras erschreckend, für die Einheimischen war sie notwendiger Teil der Normalität. Sehr oft hörten wir das Argument, dass es ja so viele Chinesen gäbe und wenn man die nicht kontrolliere, dann gehe es zu wie in Indien. Und das kann keiner wollen.

Überall, aber auch wirklich überall gibt es Sicherheitspersonal. Jederzeit erwartet man eine spontan aufmaschierende Gruppe Chinesen sich mit dem Schlachtruf "Für die Sicherheit!" ins Gefecht gegen die endlosen "Gefahren" des Alltags stürzen. Geschulte Augen in Uniform achten in der U-Bahn darauf, dass alle auch wirklich sicher in und aus den Zügen kommen. Mit grazilen Handbewegung und/oder Fähnchen wird die Befolgung überall ausgestrahlter Sicherheitsvideos zur sicheren Rolltreppennutzung überwacht. Man stelle sich einen 10-Stunden-Arbeitstag vor, bei dem die Hauptaufgabe darin besteht am Ende einer Rolltreppe zu stehen und mit einer Handbewegung Passagiere zum Weitergehen aufzufordern. "Für die Sicherheit!"

Natürlich werden vor jedem einzelnen U-Bahneingang und Fernbusstationen alle Taschen gescannt, damit auch bloß kein Deospray (entflammbar?!) oder Nagelschere es an Bord schaffen. An Ampeln stehen mehrere Menschen mit Fähnchen, die dabei helfen zu regulieren, was die Ampeln längst reguliert haben. Überall stehen Schilder, die die Bürger daran erinnern sollen, an Teichen nicht zu ertrinken und auf Stufen nicht zu stolpern. Auf. Jeder. Einzelnen. Stufe. "Für die Sicherheit!"

Wanderwege, die sich aus unserer Sicht in gutem Zustand befinden, sind mit Zäunen gesperrt und mit Warnungen übersät: nicht Instand gehalten, kein Geländer, lose Steine, eine Todesfalle! Nehmt lieber die Gondel für nur 10€, das ist auch sonst entspannter. "Für die Sicherheit!"

Immer wieder wird uns von Fahrern, die uns mitnehmen, kein guter Weg gewünscht, nein, wir sollen aufpassen. 'Always keep safety in mind.' Wenn wir versuchen von einer Mautstation wegzutrampen, dauert es meist keine 2 Minuten bis ein Mitarbeiter in Warnweste neben uns steht und uns darauf hinweist, dass das nicht geht. 'Too dangerous!'. Alles Argumentieren nützt meist wenig, man kann sie nur mit ihren eigenen Waffen schlagen. Wenn man beispielsweise erklärt, dass jetzt am Straßenrand zurück zu laufen auch gefährlich ist. Dann kann man richtig sehen, wie sie anfangen zu schwitzen. Sie sind in der Zwickmühle, denn die Gefahr lauert von allen Seiten und sie wollen natürlich nicht dafür verantwortlich sein, die Touristen in den sicheren Tod geschickt zu haben. Auf diese Art und Weise haben uns dann auch Mautstations-Mitarbeiter Mitfahrgelegenheiten besorgt, damit wir bloß weg sind - raus aus der Lebensgefahr - und sie aus dem Dilemma.

Woher das überzogene Bedürfnis nach Sicherheit? Wovor die kollektive Angst? Es bleibt uns ein Rätsel...

Und doch können wir ähnliche kulturelle Tendenzen auch in Deutschland erkennen. Der Drang zu mehr Sicherheit vor allem im Kontext terroristischer Attentate lässt Vorratsdatenspeicherung und Sicherheitskameras in der Öffentlichkeit eine gute Idee erscheinen. Dabei ist die einseitige Entscheidung für Sicherheit gegen Freiheit das Merkmal eines paternalistischen, autoritären Staates.
Die Frage für uns ist: mit dem Vorbild Amerika und der schon vorhandenen Tendenz zu mehr Sicherheitsmaßnahmen wäre dieser kulturelle Import so anders, als was wir sowieso schon vorfinden?

Gleich zwei starke Männer mit gewaltvoll marschierenden Schritten

Autoritäre Führung und mentale Zäune

Eine enorm gefährliche Botschaft geht mit den spektakulären Erfolgen autoritärer Regime wie der kommunistischen Partei Chinas (oder auch autoritärer Führungsfiguren in den USA, Brazilien, Polen, Ungarn und vielen mehr) einher. Mit jedem neuen starken Mann, der in der politischen Arena gewinnt, scheint der Abkehr von zugeständnisbedingter Entscheidungsformen das Wort geredet. Viele in den unzufriedenen Demokratien westlicher Prägung hören diesen gewaltvoll marschierenden Schritten genau zu. 

Die Entscheidungsfindung in politischen Systemen wie den europäischen Demokratien ist häufig langwierig, wenig effizient und es ist noch nicht einmal garantiert, dass am Ende des Prozesses ein gelungenes Resultat steht. Und doch sollten wir nicht vergessen, dass in ihren Tiefen eine Grundbedingung unerer Existenz als Wert verankert ist: (pathetisch gesagt) Freiheit.

Eine der traurigsten Erfahrungen, die wir aus China mitgenommen haben, waren die realen und mentalen Zäune, die die Regierung um ihre Untertanen gezogen hat. Ein paar Jahrzehnte harter politischer Hand mit Zuckerbrot und Peitsche (und nochmals Peitsche)  haben ausgereicht, die Bevölkerung von jeglichem politischen Engagement abzuschrecken und sie den allmächtigen Führern zu überlassen. Ein Rückzug ins Private geht so lange gut, bis die Mauern und Zäune akzeptablen Verhaltens in die Menschen eingezogen wurden und der feste Schlag der Regierungsautorität an der eigenen Tür zu hören ist. Wahrhaft ein Pakt mit dem Teufel, bei dem die Menschen viel zu spät realisieren, wie viel aufgegeben wurde.  

Ein zensiertes Internet mit regierungseigenen Alternativen für Suchmaschinen, Videoplattformen und Kommunikationskanälen überlässt jegliche Information und "private" Äußerung den regiden Händen eines repressiven Regimes. Eine Organisationsstruktur mit Zellen der privilegienvergebenden kommunistischen Partei in jedem Dorf tut ihr übriges. Und ein "Ich hab' ja nichts zu verbergen" trifft genau so lange zu wie die diktatorischen Machthaber der gleichen Meinung sind.

Deshalb wollen wir mit einer (wiedermal pathetischen) Aufforderung schließen. Freiheit ist kein unabänderliches Gut und es ist unsere Aufgabe für eben diese Freiheit auch gegen heftige Widrigkeiten einzutreten.

Kommentare

  1. Wir haben von der gefährlichen Strahlkraft erfolgreicher autoritärer Regierungen geschrieben, von realen und mentalen Zäunen, die diese Regierungen ihrer Bevölkerung aufzwingen, und wie (neu) gewonnene Macht als Kultur in andere Länder exportiert wird.

    Hier ein englisch-sprachiger Guardian-Artikel zu russischen Versuchen eines eigenen zensierten Internets nach dem Vorbild Chinas:

    https://www.theguardian.com/world/2019/feb/12/great-firewall-fears-as-russia-plans-to-cut-itself-off-from-internet

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