Pakistan: Zu Gast bei Freunden



*** Achtung, Achtung: Es folgt eine Werbesendung für ein beeindruckendes Land mit dem prächtigen Namen Pakistan ***

Ach Pakistan, du Balsam auf unserer reisegeschundenen Seele.
Hört man den Namen Pakistan in einem deutschen Wohnzimmer, so kann man sich sicher sein, dass das Gespräch eine dunkle, wenn nicht grausige Wendung nehmen wird. Allzuoft ist dann von bärtigen Taliban die Rede, von verblendeten Mullahs, die junge Frauen zur Steinigung verurteilen, von Drohnenangriffen der USA und Selbstmordattentaten von religiösen Extremisten, von Krieg mit dem indischen Nachbarn und einem Staat am Rande der Selbstauflösung.

Doch Pakistan, zumindest unser Pakistan, ist so viel mehr. Schon bei der groben Planung unserer Reise übte dieses Land eine unheimlich Anziehungskraft auf uns aus. Unwiderstehlich schien die berüchtigte Gastfreundschaft, das unheimlich undurchdringliche Terrain, die Aura des Verbotenen und (touristisch) Unentdeckten, die Andersartigkeit...


Eine Stunde Pakistan

Unser erstes Date mit Pakistan beginnt mit dem Höllenspektakel an der indisch-pakistanischen Grenze. Unter dem nationalistischen Gebrüll der Schreihalsmassen stürmen die martialisch bebarteten Soldaten in tänzerischer Manier auf einander zu. Ihre Tigerkrallen fahren in die Luft und reißen das Fleisch aus einem unsichtbaren Gegner. Die Brust wird gockelartig in die Höhe gestreckt und dem Feind von Gegenüber ordentlich ins Gesicht geschnauft. Es fliegen die Spuckefetzen, wilde Blicke und kriegerische Kommandos - das alles zu dem Zwecke, die Landesfahne am Abend vom Mast zu holen und die Grenze zu schließen. Nun ja, so nötig wäre das gar nicht, denn so viele Menschen wollen auch tagsüber nicht über die Grenze. Genauer gesagt sind wir die einzigen, die die Langeweile der Behörden unterbrechen, zumindest des einen Grenzbeamten, der überhaupt mit der Durchreise von Personen beschäftigt ist.

Die Tinte des Ausreisestempels frisch im Pass, dürfen wir tatsächlich durch eben jenes Eisentor hindurchtreten, an dem sonst das zeremonielle Zerfleischen der beiden Erzfeinde stattfindet. Ein grimmiger, schwerbewaffneter, 2 Meter großer Riese mit Sonnenbrille und Spezialeinheitsuniform baut sich vor uns auf. Wir starren von unten hinauf gegen die Sonne in seine Landschaft von Gesicht. Ein gewaltiges Lächeln breitet sich darauf aus und die riesige Pranke streckt sich uns zum Gruß entgegen. "Welcome to Pakistan!" lächelt der Riese, "Willkommen in Pakistan", freuen wir uns.

Unbeeindruckter pakistanischer Grenzsoldat, hinter ihm auch eher lässige pakistanische Zuschauermasse



Schon unsere ersten Erlebnisse versprechen, dass Pakistan einen ganz besonderen Platz in unserem Herzen erobern wird. Wir maschieren vorbei an den pakistanischen Massen, die allabendlich zur Zeremonie schlendern. Werden wir entdeckt, ist die Freude groß. Schnell werden Selfies geschossen erst einzeln, dann Gruppen, in diversen Aufstellungen und Kombinationen. Leise versuchen wir uns davonzustehlen, bevor wir langatmige Erkundigungen beantworten müssen.

Im ersten Dorf ist dann jedes Schleichen sinnlos, denn alle haben uns schon entdeckt und es bildet sich ein menschlicher Ring von etwa 20 Pakistanis um die zwei hilflosen Fremdlinge. Aus dem Gewirr an Körpern strecken sich hunderte Hände entgegen, der Reihe nach wird zum Händeschütteln vorgedrängelt. Handys werden gezückt, Photoblitz erleuchtet unsere Gesichter und dann findet auch noch irgendwie eine Melone den Weg in Jonathans Hände, ein erstes von vielen essbaren Gastgeschenken. Leider hatten wir vergessen unsere indische in pakistanische Rupien umzutauschen und die indischen sind mit der Grenze praktisch wertlos geworden. Stören tut das irgendwie gar keinen, nicht mal den Busfahrer und so fahren wir kostenlos in die Hauptstadt Lahore.

Die berühmte Badshahi Moschee in Lahore



Luxus leben in Lahore

In Lahore erwartet uns ein 5-Sterne-Deluxe Gastgeber von Couchsurfing. Mr. Jami, ein Steueranwalt, hat sich selbst die Mission gestellt mindestens 2 neue internationale Freunde jedes Jahr zu gewinnen und deshalb seine luxeriöses Anwesen den vorbeikommenden Reisenden geöffnet. Die Wegbeschreibung dahin allerdings war eher schwammig und so erfragen wir uns den Weg. Etwas hilflos durchstreifen wir die Gegend als plötzlich ein Auto scharf an einem Motorradfahrer vorbeischnellt, der daraufhin die Kontrolle über sein Gefährt verliert und sich ein blutiges Knie holt. Wir eilen hin, um zu helfen, doch die Situation verkehrt sich in ihr Gegenteil. Der Motorradfahrer klopft den Staub ab, und fragt mit seelenruhiger Stimme, wie er uns den helfen kann. Pakistanische Hilfsbereitschaft lässt sich auch von blutigen Knien nicht aufhalten.

Mit weiterer Unterstützung von einer Nasenbluten geplagten Kosmopolitin, die uns an einer Straßenecke aufgabelt und in ihr Auto entführt, werden wir direkt vor das Anwesen Mr. Jamis gefahren, und vom Hausherren und seiner Dienerschaft begrüßt. Ein Doppelbettzimmer sei für uns vorbereitet und das Essen werde in einer halben Stunde serviert. Solange könne man sich im eigenen Badezimmer frisch machen oder alle Programme der Klimaanlage ausprobieren. Wie gesagt ein 5-Sterne-Deluxe-Gastgeber.

Passend zur Luxusunterkunft muss auch ein gepflegter Bart her. Man beachte die rasiermesserscharfe Bartkante :D


Mr. Jami ist ein vielbeschäftigter Mann, sodass wir uns meist nur abends beim gemeinsamen Essen, oder beim Frühstücksbüffet des nahgelegenen Luxushotels sehen. Aber in weiser Voraussicht hat uns unser Gastgeber zur lokalen Couchsurfing-Whatsapp-Gruppe hinzugefügt und seitdem hagelt es nur so von Einladungen. Kommt zu mir nach Faisalbad, ihr könnt bei mir übernachten. Ich habe auch eine Klimaanlage.  Kommt zu mir, ich bringe dich zum besten Frühstücksrestaurant der ganzen Stadt. Kommt zu mir, ich habe eine Traubenfarm, ihr könnt nicht nur Trauben essen, sondern sogar auf meinem Pferd reiten. Und so weiter und so weiter. Die Gastfreundschaft nimmt in Pakistan extreme Züge an, aber andererseits haben wir deshalb schon eine Schlafadresse, als wir uns spontan dafür entscheiden nach Islamabad zu trampen.

Wazir Khan Moschee und das bunte Treiben im Vorhof




Rikshafahrt


Pakistan und die Frauen

Faisl aus Islamabad lädt uns in seine Familie ein, bei denen alle hochauf begeistert zu sein scheinen, dass sie gleich vier Touristen bewirten dürfen (unterwegs hat Faisl nämlich noch zwei Slowenen aufgegabelt). Mit Hingabe werden wir von Mutter und Schwester köstlich bekocht, doch beim Essen sind nur die Männer des Hauses anwesend (und natürlich Julia). Immer wieder zum Nachschlag gedrängt stopfen wir uns die Bäuche voll. Als wir mit Faisl das Haus zum Abendtee verlassen, sehen wir den weiblichen Teil der Familie im Vorzimmer von unseren Resten essen. Uns stand der Mund offen und die Schamesröte im Gesicht. Die Geschlechtertrennung und die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist in Pakistan ein heikles Thema und durchaus vielschichtig.

Was die angemessene Rolle der Frau angeht, streben die Vorstellungen der gesellschaftlichen Schichten gewaltig auseinander. Moderne, westlich gebildete Angehörige der ökonomischen Elite eifern dem Westen auch in ihrem Frauenbild nach. In den Großstädten treffen wir junge unverschleierte Frauen, die fremden Männern offen die Hand geben, einem Beruf nachgehen und ein selbstständiges Leben ohne allzu arge Einmischung eines Patriarchen führen. Kontrastiert wird diese Freizügigkeit in vielen ländlichen Gebieten oder auch in den Städten der an Afghanistan grenzenden Pathangebiete. Dort fällt einem zunächst eine Lücke auf. Dort wo sich zwischen den hektisch rennenden Männern des Bazars normalerweise Frauen befinden sollten, finden sich keine. Frauen sind fast gänzlich aus dem öffentlichen Leben und in ihre Häuser verbannt. Zum Dasein als unberührbares Gespenst verdammt geistern einige wenige Frauen in blauer oder sandfarbener Burka durch die Straßen. Außerhalb der besonders konservativen Pathanregion gibt es jede Kombination von Kopf- und Körperverschleierung (z.B. schwarzer Ganzkörperumhang, der das Gesicht freilässt, oder buntes Shalwar Kamez mit Halstuch oder locker übergeworfenes Kopftuch).

Zwei liebenswürdige Mädchen in einem pakistanischen Dorf


Während die Verschleierung zwar ein sehr augenfälliges Beispiel für die begrenzenden Regeln der Gesellschaft ist, der sich die Frauen unterwerfen müssen, ist es doch nur eine von vielen Vorschriften. Vom richtigen Umgang mit fremden Männern und angemessener anzustrebender Bildung bis zur eigenen Erwerbstätigkeit und Familienplanung werden fast alle Bereiche des Lebens durch den lokalen Verhaltenskodex bestimmt. In den deutschen Medien nehmen Horrorgeschichten von lebendiger Verbrennung und Steinigung wegen "aufreizender Blicke" einen Großteil der wenigen Aufmerksamkeit ein, die Pakistan überhaupt erfährt. Zumeist heißt es dann, dass besonders erzkonservative Mullahs eine harte Version des Islam vorantreiben und dass ihre Schiedssprüche die rechtmäßige Strafe nach Sharia-Gesetz seien.

Tatsächlich haben sich in Pakistan islamische und vorislamische Verhaltensvorschriften gemischt. In vielen Fällen sieht gerade die lokale Tradition die schärfere und vorschnellere Strafe vor, die nicht durch den Islam bzw. die Sharia gedeckt ist. In der Wahl zwischen staatlichem (nach westlichem Vorbild geschaffenen) Recht, das durch Korruption und Verschleppung vollständig unfähig ist, und örtlichem traditionellem Recht, dass archaische und noch brutalere Strafen vorsieht, erscheint die Sharia vielen als effizientere, unbestechliche und sanftere Alternative.

Ein Besuch bei den Pathanen

Nach Islamabad zieht es uns nach Khyber-Pakhtunkhwa, in die Provinz der Pathanen (im deutschen meist nach ihrer Sprache Pashtunen genannt). Und wenn jetzt irgendwo im Hinterkopf etwas klingelt, dann ist das genau richtig. Pathanen oder Pashtunen wohnen nämlich auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze - ein wunderbares Lehrstück der goldenen britischen Regel "Divide and Rule" / Teilen (der zusammengehörigen Volksgruppe) und Herrschen. Und unter den kriegerisch geltenden Pashtunen rekrutieren sich auch die Taliban. *Schreckensmusik von Beethovens 5ter Symphonie: Dödödö* Ja, es gibt Pathanen, die die Herrschaft der Taliban unterstützen (als legitime Freiheitskämpfer gegen eine illegitime Okkupation), nur sind das nicht alle und die meisten leben in den autonom agierenden Stammesregion an der direkten Grenze zu Afghanistan.

Drei überaus lustige Pathan-Zeitgenossen, die uns irgendwo an der staubigen Straße aufgesammelt haben

Außgerechnet im konservativ-muslimischen  Khyber-Pakhtunkhwa befindet sich dieses riesige ehemalige buddhistische Kloster aus dem ersten Jahrhundert

Wie in jedem anständigen muslimischen Land gibt es auch hier an jeder Straßenecke köstliche Kebab-Spieße

Verallgemeinernd gesprochen sind viele Pathanen noch konservativer und traditioneller als ihre Landsmänner und -frauen. Schon seit jeher gelten sie den vorbeiziehenden Imperien als Dorn im Auge - widerspenstig und immer zu einem Kampf aufgelegt. Auch heute noch sind viele Pathanen, die wir treffen stolz auf ihre kriegerische Vergangenheit, betonen gleichzeitig aber auch ihre sanftmütige Gegenwart und legendäre Gastfreundschaft. Gäste bringen die Pathanen nämlich ganz außer Häuschen. Aus einfachem Straßehinunterlaufen wird eine Art angenehmer Spießrutenlauf, bei dem uns von allen Seiten Begrüßungen und liebe Worte hageln.

Essen wir im Restaurant, wird die Bezahlung nicht selten abgelehnt, entweder vom Restaurantbesitzer persönlich oder eine Gruppe lokaler Männer hat sich zusammengeschlossen und für uns bezahlt.

Als wir aus der Pathan-Stadt Mardan hinauslaufen wollen, liest uns Owais mit seinem Auto von der Straße auf.
O: Hey, where you from bro?
J: We are from Germany.
O: Oh, Germany, bro! I love Germany. Where do you go, bro?
J: We want to go out of Mardan.
O: Come to my home, bro! Have you eaten, bro? My mother is a good cook, bro. She will provide you with best food of Mardan, bro.
J: Ah, that is very nice, but we have already eaten and need to go out of Mardan.
O: In my home, I have nice AC-room. You can rest in my house, bro. Please sleep in my house, bro. I will show you around in Mardan and we can meet friends.
J: That is very nice but we want to go out of Mardan. We are sorry, you are very nice.
O: I can take you to Murree, bro (Murree is a far away and rich city, famous for making holidays): Let's go to Murree, bro. Also sleep in my house, bro.
J: Thank you. But we just need to get out of Mardan.
O: Okay, but when will you be back in Mardan, bro?
J: We don't know. Maybe in 2 years.
O: Oh, no, bro. Please come back soon to Mardan, bro, and stay in my house, bro!
J: ...

Und das ist nur eine von vielen Begegnungen, die eine immense, aber auch stellenweise überfordernde Gastfreundschaft ausstrahlen. Fern von Übertreibung wäre der liebe Owais bereit gewesen uns auf Tage hin umsonst zu beköstigen, zu behausen und uns zu Ferienorten zu fahren. Nach einigen Tagen Whatsapp-Kontakt war seine Enttäusschung über unser Fortbleiben so groß, dass er anbot, uns Flüge zu bezahlen, damit wir bloß wieder nach Mardan kommen. Gäste sind nach dem Verhaltenskodex der Pathanen (dem Pashtunwali) fast so etwas wie heilig und müssen mit dem eigenen Leben beschützt werden.

Jonathan passt nicht nur seinen Bart sondern auch sein Outfit an die Umgebung an. Der Herr trägt ein traditionelles Gewandt, das Shalwar Kameez, in Royalem Blau und aus feinster luftiger Baumwolle.




Die andere Seite des Pasthunwali zeigt sich, wenn es um Bestrafung und Blutfehden geht. Wird eine Frau des Clans A von Mitgliedern des Clan B vergewaltigt, muss, damit keine dauerhafte Blutfehde ausbricht, der Clan B Reparationen leisten. Da die Ehre der Frauen des Clan A nicht mit Geld käuflich sein kann, muss Blut fließen (einer der Übeltäter muss ausgeliefert werden zum Sterben, andere können auch nur verstümmelt werden) oder junge Frauen des Clan B werden als Wiedergutmachung angeboten. Über die genauen Strafen und Formen der Entschädigung entscheidet ein Rat lokaler Ehrenträger, die in einer Jirga (Gerichtssitzung) zusammensitzen und zu einem "sozial verträglichen" Urteil kommen. Das Pashtunwali kling archaisch und das ist es auch, denn es ist selbst älter als die Shariah. Für uns Westler klingen diese Art von Rechtsprechung hart und und teilweise unmenschlich, sie ist jedoch keinesfalls willkürlich brutal, sondern dient dazu den Freiden zwischen den Klans zu wahren und im Falle eines Vergehens nicht nur jemanden hinter Gitter zu bringen, sondern auch dafür zu sorgen, dass der "entstandene Schaden" irgednwie entschädigt wird. Das Fehlen von Reparationen im britischen Recht sorgt noch heute dafür, dass es in breiten Teilen der pakistanischen (und auch indischen) Bevölkerung keine hinreichende Akzeptanz findet. Wird ein Familienvater ermordert, so muss der Täter bestraft werden, keine Frage. Doch seiner Frau und seinen Kindern ist damit der Ernährer nicht ersetzt. Lokalen Rechtskodexen wie dem Paschtunwali zufolge müsste beispielsweise der Clan des Mörders auch für den Lebensunterhalt der Witwe aufkommen.

Viele der vertretenen Werte sind im Alltag kaum von teilweise extremen religiösen Vorstellungen zu trennen. Deshalb ist es auch nicht ungewöhnlich, dass die afghanischen Taliban (nicht zu verwechseln mit den pakistanischen Taleban) bei einem großen Teil der lokalen Bevölkerung Sympathien und Unterstützung besitzen. Sie vertreten traditioneller Werte von Ehre und Hingabe und genießen als Freiheitskämpfer, die ihr Land gegen Invasionen von Sowjetunion und USA verteidigen, hohe Anerkennung. Aber auch bei den Pathanen gibt es viele die nach mehr Modernität streben und ein Zurückgleiten der Provinz in chaotische Verhältnisse fürchtet.

Erst 2007 hatten Gruppen von pakistanischen Taleban das Swat-Tal in Pakistan mithilfe der Unterstützung der extrem konservativen lokalen Bevölkerung unter ihre Kontrolle gebracht. Die Realisation wie schnell talebanbeherrschte Gebiete auch in Pakistan Realität werden können, haben jedoch zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung geführt. 2009 konnten die Taleban durch eine Großoffensive der pakistanischen Armee vertrieben werden. Die Lage ist seitdem stabil.

Leben neben schwindelerregend hohen Bergen: ein Ausschnitt vom Alltag in Chitrals gleichnamiger Gebietshauptstadt Chitral. (Der hindurchfließende Fluss heißt übrigens ganz kreativ: Chitral, wie auch die lokale Sprache: Chitrali)

Chitral - das alternative Pakistan

Über die seitlichen Ausläufer des Hindukush kommen wir nach Chitral, einem weniger konservativem Untergebiet der Khyber-Pakhtunkhwa-Provinz. Hier treffen wir Ismaili-Shias, Anhänger einer liberaleren Strömung des Islam. Viele Frauen tragen hier bunte Kleidung und manche von ihnen scheuen weder Männerkontakt noch einen ganz unverhüllten Kopf. Überhaupt wird in Chitral vieles laxer gehandelt. Im Kalash-Tal treffen wir die letzten heidnischen Stämme Pakistans. Legenden ranken sich um ihre Herkunft, und die "Experten" zanken sich, ob fahnenflüchtige Soldaten Alexander des Großen oder doch eine versprengte Gruppe Indoiraner als Vorfahren herhalten müssen.



  
Kalash Frau und Mädchen beim Holz holen



   
Und hier mal Kalash Frauen und ihre wunderschönen Gewänder aus der Nähe. Und weil wir uns nicht selbst getraut haben, kommt dieses Bild von: https://newslinemagazine.com/magazine/kalash-people-tribe-lost-found/

In jedem Fall ist ihr Dasein eine exzentrische Besonderheit in der Gegend. Viele Angehörige der Kalash haben blaue oder grüne Augen, einen hellen Teint und blondes Haar und ähneln eher Europäern als den Pathanen. Dazu kommen buntfarbige Hüte und Kleidung mit verschwenderischer Bestickung, die ihre Andersartigkeit unterstreichen. Gemeinsame Tanzriten zur Erntezeit (jeden Abend gibt es ein Fest und Jungs und Mädels dürfen sich beim Tanzen besser kennenlernen), Tieropfer und eine Anzahl von Heidengöttern machen die Kalash in einer See aus strenggläubigen Muslimen in einfarbigen Shalwar-Kameez eine ganz besondere Ausnahme. Ihre Gemeinschaft besteht nur aus einer Handvoll Dörfer, die sich über drei Täler verstreut. Im Abendlicht spielen die Dorfjungen zwischen den Häusern Ball, während die Mädchen von den Dächern zugucken.


Das letzte Kalash Dorf im Tal. Auf der anderen Seite der Berge, nur einige Kilometer entfernt, ist Afghanistan.


Die Freiheit der Deutschen am Hindukush

Nachdem wir uns mit Maulbeeren und lokalem Hochprozentigen (Alkohol ist im Rest Pakistans verboten) erfrischt haben, geht es weiter zu einer Wanderung in die Tiefen des Hindukush an die als sicher geltende Grenze zum afghanischen Wakhan-Korridor. Wir suchen uns ein Wanderung aus, die zwar kaum begangen ist, doch nur vier Tage lang und entspannt sein soll. (Seit 9/11 hat der sich gerade entwickelnde Trekking-Tourismus in Pakistan einen enormen Rückschlag erfahren und die Zahlen erholen sich nur sehr langsam. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind daher alle Wege kaum begangen.)

Um zum Anfang unserer Wanderung zu kommen, quälen wir uns den ganzen Tag in überfüllten Jeeps. Mit Affenzahn geht es über einspurige Staubstraßen. Über uns lauern die Felsen auf ihre Gelegenheit, uns mit ihren Brocken zu zerquetschen, und neben uns wartet der reißende Fluss, uns in seinen Strömen zu ertränken. Am Ende des Tals angekommen, müssen uns nun unsere Füße tragen.



Die einladenden sanften grünen Hügel des Hindukush


Unsere Wegbegleiter begrüßen uns mit ihren schrillen Pfiffen



Über steile Schotterpisten schlängeln sich fußbreite Pfade. Ein Fehltritt und man droht mit den fortwährend rieselnden Steinmassen hinabzustürzen. Eisige Flüsse stellen uns vor schwierige Aufgaben. Kreuzen wir an dieser oder an jener Stelle? An der geeignetsten halten wir die reißenden Wassermassen durch einen hineingeworfenen Baumstamm in Grenzen, an dem wir uns entlanghangeln. Während unsere Oberschenkel erfrieren, stemmen wir uns gegen die Flut und Schritt für Schritt erreichen wir das sichere Ufer. Auch dann bietet die Wanderung noch allerlei Hindernisse gegen uns auf (trotz Versicherung der Einheimischen, dass der Weg völlig ohne Probleme zu meistern sei).

Der Hang, an dem unser Pfad entlang führt, ist stellenweise abgerutscht und wir müssen immer wieder schwierige Passagen navigieren, bis wir auf einen formidablen Endgegner stoßen. Der Weg ist mal wieder einem Erdrutsch zum Opfer gefallen und wir müssen ans Flussbett hinuntersteigen. Nun sitzen wir in der Falle, zu allen Seiten wachsen die Berge steil an - zu steil, um hinaufzukommen. Ein wenig Panik macht sich bei uns breit: vor geht es nicht und zurück nun auch nicht mehr.

Die Rettung präsentiert sich überaus tückisch. Eine Brücke aus Eis und Schnee hat sich im Winter über den Fluss gespannt und die Sommerhitze konnte sie noch nicht vollends schmelzen. Mit wackeligen Beinen stapfen wir über das rissige, knarzende Eis. Schritt für Schritt keuchen wir Stoßgebete, dass die Brücke sich ja nicht heute entscheidet zusammenzufallen. Geschafft - Erleichterung macht sich breit, bis wir realisieren, dass in geringer Entfernung eine weitere Schneebrücke darauf wartet gewechselt zu werden. Als sich unser Herzschlag nach der zweiten Brücke wieder normalisiert hat, sehen wir zwei alte Männer hinübertrampeln, die eine einzelne Kuh vorsichherscheuchen. Traurig fragen sie uns, ob wir nicht etwa 100 Kühe gesehen hätten, sie seien Schäfer und hätten ihre Tiere in den Bergen verloren. Leider müssen wir verneinen, aber wir verstehen, dass in dieser harschen Umgebung jeder mit seinen ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat.

Glücklicherweise endet unsere Odysee nach einem hohen Pass im Nachbartal.






Auf dem Rückweg sammelt uns ein Hirte auf, der von da an nicht mehr von unsere Seite weicht, bis er sichergestellet hat, dass wir unten im Dorf angekommen sind.

Per Anhalter über den Karakorum Highway

Ob wir uns noch einmal allein und ohne Guide auf einen pakistanischen Wanderweg einlassen, den die Einheimischen als gut begehbar beschreiben, steht ganz unsicher in der Zukunft. (Deutsche und pakistanische Vorstellungen von sicherem Wandern scheinen dann doch nicht so ganz vereinbar.)

Nun ja, einmal haben wir's direkt dann doch noch gewagt, denn wir wollten uns die großen Gletscherfelder am Karakoram nicht entgehen lassen. Der Rakhaposhi ragt über 7.900 Meter am Straßenrand des Karakoram-Highway auf. Und einen einfachen, aber steilen Tagesmarsch später stehen wir auf der Moräne eines gewaligten Gletscher, der sich zentimeterweise ins Tal schiebt. Von der eisigen Landschaft gleiten die Augen hinauf zum Rakhaposhi, höher und höher schraubt sich der gewaltige Fels in himmlische Höhen. Seine schneeweiße glatte Spitze sticht ins Himmelsblau und ab und zu rauscht eine große Schneelawine in der Ferne von den Bergen, während der Widerhall zu unserem Zeltplatz schallt.




Der spektakuläre Gletscher am Rakaposhi Base Camp und unsere vorsichtigen Versuche, einige wackelige Schritte auf ihm zu laufem


Per Anhalter geht es immer weiter durch eine Welt voll kontrastreicher Bergmassive. Rote, schwarze, braune, graue und organgene Steilhänge türmen sich zu beiden Straßenseite. Kalte Flüsse schneiden sich Bahnen durch karge Täler und hinter der nächsten Straßenbiegung erwartet uns der Ausblick auf eine riesige Gletscherzunge. Mit jeder Serpentine kommen wir ein Stückchen näher an unser Ziel: China.

Gassen in Karimabad, Hunza Tal

Der Weg hoch zum ca. 700 Jahre alten Baltit Fort

Ausblick auf das Hunza Tal

Jonathan und sein persönliches Bart-Vorbild

Bevor wir jedoch ins Land der Mitte zurückkehren, wollen wir mit dem kleinen bisschen pakistanischen Geld, das wir noch übrig haben, ganz nah an den Wakhan-Korridor. Das Chapursan-Tal ist ein verlassenes Stück Erde, ein kleiner Geheimtipp in den weiten unerschlossenen Tiefen Pakistans. Ohne Plan nehmen wir das nächste Fahrzeug in die Gegend bis uns die Einheimischen sagen, dass wir jetzt raus müssten. Zwar wussten wir selbst noch nicht, wohin wir wollten, aber da haben die hilfreichen Pakistanis unsere Sachen schon vom Jeep gehoben. Gut, dass wenigstens die Einheimischen einen Plan für uns haben. 



Der Anfgang des Pamir, das Ende der Welt

Abgeladen wurden wir beim Haus von Alam-Jan, einer lokalen Wander- und Touristenlegende. Seit Jahren beherbergt er die wenigen Fremden in seinem Haus, die sich in das Tal verirren, und führt gemeinsam mit seinen Söhnen und Verwandten die Abenteuerlustigen durch die Berge Pakistans, Afghanistans und Tajikistans. Als waschechter Pamiri (ein tajikisch beeinflusster Bewohner des Pamirs) lädt er uns zunächst zum Tee ein auf seinem Tapchan (Sitzecke auf Stelzen). Über den Preis sollen wir uns keine Sorgen machen, wir sollen am Ende einfach so viel zahlen, wie wir können und uns für richtig scheint. Gastfreundschaft in Pakistan macht auch vor Gasthausbesitzern nicht halt.

Gemeinsam mit seiner Familie essen wir im traditionellen Wohnzimmer. Auf dem Boden im tiefergelegenen fünfsäuligen (eine jede repräsentiert eine der fünf Säulen des Islam) Hauptraum sitzen wir im Kreis und teilen uns das Essen von vier großen Schalen. Spinat, Linsen, Hähnchen mit Reis, Brot und Kartoffeln und natürlich ganz viel Tee dienen unserem leiblichen Wohl, während der Gastgeber abwechselnd mit uns oder seinen zwei Töchtern und seiner Frau scherzt. Über das Gespräch wird es spät und hundemüde legen wir uns nach Art der Pamiris auf gepolsterten Decken auf dem Boden schlafen.

Auch hier hinterlegen wir uns ein gedankliches Lesezeichen, denn wir wollen wiederkommen und das nächste Mal von Alan-Jams Söhnen durch die wilden Berge des pakistanischen Nordens geführt werden. Doch erst einmal wollen wir die alten Seidenstraßenstädte entdecken und die ersten davon findet man ja in China.

Der Abschied von Pakistan fällt schwer, noch schwerer als gedacht. Wir haben uns lange auf dieses geheimnisvoll lockende Land gefreut und all unsere Erwartungen wurden übertroffen. Selten haben wir uns wohler und willkommener gefühlt. Doch auch die schönste Zeit bei Freunden muss einmal enden, zumindest vorerst.


Wir haben leider (schon wieder) keine Abschiedskatze parat, also gibt es ein Abschiedsmurmeltier

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