Baikalsee: In den Tiefen Sibiriens



Nach der ebenso erlebnisreichen wie vergeblichen Suche nach einer Abkürzung in die Republik Tuva haben wir erstmal keinen Plan, wohin mit uns.

Zudem erwischt uns eine üble Magen-Darm-Geschichte. Erst wird Jonathan krank und drei Tage später auch Julia. Nicht nur die Bauchschmerzen vertreiben uns aus dem unwirtlichen Abakan, der Hauptstadt der angrenzenden Republik Khakassien. Etliche Tage Regengüsse lassen Boot-Taxis eine tolle Idee erscheinen und überfordern die ohnehin spärliche Infrastruktur der Stadt. Jetzt brauchen wir eine trockene Wohlfühloase, um uns auszukurieren.

Über drei Tagen fliehen wir weitere 1000 km in den Osten. Endlose Wälder und gelegentliche Truckerstopps begleiten unseren Weg bis kurz vor unserem Ziel: Irkutsk, das kulturelle Zentrum Sibiriens.

Ein altes Dekabristen-Holzhaus, das heute als Museum fungiert





Wir kommen unter bei Helen und Alex, die einfach toll und wunderbar entspannt sind. Sie mag Ananas und er Tatoos. Wir entscheiden uns für eine Kombination und bemalen unser Gastgeschenk, eine Wassermelone, mit dem Plural von Ananas. Bei den beiden finden wir endlich die nötige Ruhe, um wieder auf die Beine zu kommen. Ihr aufgedrehtes kleines Kätzchen Kida hüpft dabei fröhlich auf uns herum und vertreibt uns Langeweile und Bauchschmerzen. An einigen Tagen treibt uns die Neugier und die erschöpften Medikamentvorräte in die Innenstadt Irkutsks. Mehr oder minder ziellose Spaziergänge zeigen uns eine schöne alte Kaufmannsstadt mit tradtionellen sibirischen Holzhäusern und prunkvollen Prachtvillen der zu Reichtum gekommenen Händlerschicht. Vorsichtig tasten wir uns mittags in die in Russland sehr beliebten Kantinen (Stalovaja), bei der günstige, aber auf den Gramm abgewogene Mahlzeiten mit obligatorischem Schwarztee auf dem Programm stehen.

Vorbereitung unseres Gastgeschenks


Mittagsschlaf mit Kida, unsere liebste Therapie gegen Bauchschmerzen


Der mächtige Baikal: Objekt von Stolz und schamanischer Superpower

Nach überstandener Krankheit geht es für uns endlich wirklich an den lang ins Auge gefassten Baikalsee. Der See ist von ganz besonderer Bedeutung für viele Menschen: Für die Russen ist er Objekt ihres Stolzes, denn er ist nicht nur wunderbar schön und unberührt wild, er ist zudem auch der tiefste und wasserreichste See der Welt. 20% der nicht gefrorenen Süßwasservorkommen des gesamten Planeten sind in ihm enthalten und zwar in so reiner Qualität, dass man direkt aus dem See trinken kann. In vielerlei Hinsicht ist er also symbolisch für die Größe und Unberührtheit Sibiriens und Russlands. Während zumindest im westlichen Europa Viele noch nie vom Baikalsee gehört haben, ist er in Russland eine Legende und Wildnis-Pilgerort junger und nicht mehr ganz so junger Abenteurer.

Eine von vielen einsamen Buchten am Baikal

Jonathan der Baikal-Eroberer



Für Buryaten, der ehemals dominanten Bevölkerung der Baikalregion, stellt der See eine Art Heiligtum dar. Der Legende nach ist er Sitz eines von fünf schamanischen Energiezentren und wurde so schön und kraftvoll vom herabsteigenden Hauptgott Tengris gestaltet. In der hiesigen Religion mixen sich pragmatisch heidnischer Schamanismus mit "modernerem" tibetischem Buddhismus und tradiierten Gestalten der mongolischen Mythenwelt. Die Burijaten zähl(t)en sich nämlich bis vor ihrer Angliederung an das russische Reich zu den Mongolen und selbst die Mutter des gefürchteten Zhingis Khan kommt aus einem Tal auf der östlichen Seite des Sees.



Auch für uns ist das Meer, wie es von den Einheimischen genannt wird, ein besonderes Ziel, denn mit ihm enstand überhaupt erst die Idee, Russland zu besuchen. Immer mehr Punkte davor und danach schlossen sich an, eins kam zum anderen und nun sind wir, wo wir sind, und tun, was wir tun.

Weiße Ritter in der Nacht

Wir entscheiden uns, dem Baikal auf der Insel Olkhon zu begegnen, die nicht unbedingt ein Geheimtipp ist, aber trotzdem sehr schön sein soll. Später werden wir erfahren, wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die Touristensaison bereits vorbei ist. Denn zur Hauptbesuchszeit im Juli und August muss man hier (mit Auto wohlgemerkt) bis zu 24 Stunden auf einen Platz auf der Fähre warten, um übersetzen zu können. Kaum vorstellbar für uns, denn als wir ankamen, bestand der Andrang aus ca. 10 Autos und einer handvoll Fußgängern.

Aber eins nach dem anderen: Wir machen uns los aus Irkutsk, wie immer viel zu spät, was sich ein wenig zu rächen scheint, als wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit 10 Kilometer vom Fährhafen entfernt im Nirgendwo ausgesetzt werden. Die Gegend ist hüglig, Schlafplätze sind rar und im Dunkeln natürlich noch schwerer zu finden. Als wir bereits im Prozess sind uns mit einer ungemütlichen Nacht unweit der Straße abzufinden, erscheint er unverhofft: unser strahlender Ritter Dima. In einem riesigen SUV hält er an und fragt nicht, er sagt nur wir sollen einsteigen. Wir gehorchen. Wir sagen, wir wollen zum Hafen, dort die Nacht verbringen und morgen auf die Insel übersetzen. Er sagt, er hätte sich das schon gedacht. Aber am Hafen sei es hässlich und ungemütlich, er kenne da eine schöne kleine Sandbucht, die niemand kennt, ob wir sie einmal sehen wollten.

Das klingt fast verdächtig gut, ob er uns nicht in eine Falle locken will, blitzt kurz in unseren Köpfen auf. Stattdessen fragen wir ihn, ob er nicht denkt, dass wir gefährlich sein könnten. Er sagt, Idioten würden nicht mit großen schweren Rucksäcken am Straßenrand rumlaufen. Das schmeichelt uns, wir mögen Dima. Wir biegen ab und fahren ca. 20 Minuten offroad Hügel auf und ab, um dann in einer einsamen Strandbucht anzukommen. Der helle Beinahe-Vollmond taucht den sandigen Seesaum in silbernes Licht. Gleichmäßig brechen die Wellen in kontinuierlichem Glucksen und Schwappen. Ruhig ist es und bezaubernd, keine Frage, doch dann kommt der Gedanke auf, wie wir hier je wieder rauskommen sollten. Gar kein Problem meint Dima, er holt uns morgen früh um 11 Uhr ab und zeigt uns noch ein bisschen die Gegend. Gute Nacht und weg ist er.

Noch ca. 10 Minuten stehen wir da und versuchen zu begreifen wie wir binnen einer halben Stunde aus einer mittelmäßig miesen Lage zu einer netten neuen Bekanntschaft, einem Fahrer, einer Verabredung und einem 1a Schlafplatz kommen.

Filmreife Mondscheinlandschaft in einer einsamen Sandbucht, an die uns unser Held Dima gebracht hat


Am Morgen kommt ein gutgelaunter Dima mit dem Jeep angedüst und springt nach kurzer Begrüßung freudestrahlend in die eisigen Fluten. Wir stürzen unseren Kaffee und ihm hinterher - schneller kann man nicht wach werden. Im Anschluss zeigt er uns ein paar schöne Strände und Aussichten, die er auf seinen langjährigen Touren mit dem Quad entdeckt hat, und wir können den Luxus kaum fassen ohne Anstrengung zu den besten Reise-Geheim-Tipps gefahren zu werden. Am Nachmittag setzt uns Dima dann an der Fähre zur Insel Olkhon ab, natürlich nicht ohne eine Einladung in Irkutsk doch mal bei ihm vorbeizuschauen.

Danke, Dima!

Im Schneckentempo durch Olkhon

Die Fähre trägt uns in weicher Spätnachmittagssonne über das leichte Schwappen der Wellen zur Insel Olkhon. Beim Erreichen erwartet uns aber erstmal eine ziemlich staubige Sandpiste, die wir dank zweier Mütter im Urlaub schnell für wunderschöne Landschaften von Steppe und 'Meer' tauschen dürfen.




Nach einer halben Stunde kommen wir in die Hauptstadt der Insel, wobei Hauptstadt jetzt kein guter Begriff ist für das Kuriosum Khuzhir. Das Dörfchen ist rund um den Tourismus zur heutigen Form gewachsen. Hunderte Stuben mit "abenteuerlichen" Ausflugsangeboten locken eine eigenartiger Mischung aus regionalen (russischen) Kurzurlaubern, große chinesische Touristengruppen und vereinzelte ausländischen Backpacker in ihre Schiffe und Vans.

Vor dem zentralen Supermarkt machen US-Amerikaner und muslimische Kasachen, was die große Politik nicht schafft, und schließen internationale Freundschaften beim Wassermelonenmampfen. Eine Holzbude wirbt mit dröhnenden chinesischen Pop-Songs für seine Produktpalette an chinesischen Lebensmitteln, während begeisterte Omis schmatzend in den Refrain einfallen. Gleichzeitig wirbeln drei Oaziks (sowjetentwickelte Geländevans) im Kampf um den coolsten 360° oder 1080° Burnout den Gästen olkhonischen Staub ins Gesicht und trauriges Hundebetteln erinnert an die hungerleidende Haustierwelt. Wir stocken unsere Vorräte auf und ziehen los, die Insel zu Fuß zu erkunden. Da die meisten Touristen nur einen kurzen Zwischenstopp auf der Insel geplant haben und in die immer bereitstehenden Oaziks einsteigen, wandern wir fast immer völlig allein durch die Steppen und Wälder der Insel zu einsamen Buchten. Mit dem Wandern kommt eine lang ersehnte Ruhe - vielleicht auch weil wir nicht mehr als 8 km am Tag wandern - und wir genießen das hektische Dauer-Von-Ort-zu-Ort-Reisen hinter uns zu lassen.



Fließender Übergang

Langsam ist es Zeit für uns, Russland zu verlassen. Jonathans Visum läuft bald aus und trotz einiger weiterer Wunschreiseorte machen wir uns auf den Weg in die Mongolei mit einem Zwischenstopp in Ulan-Ude. Auf dem Weg in die Stadt haben wir das Glück einen buriyatischen Mordkommissar zu treffen, dem offensichtlich nichts mehr am Herzen liegt, als uns zu traditionell burijatischem Essen einzuladen. Aufgetischt werden Milchtee, russischer Wurst- und Fischsalat mit Mayonnaise und das Hauptgericht Buzy. Buzy sind in Nudelteig eingewickelte Hackklumpen, die ohne das Wasser zu berühren gar gedämpft werden. Man beißt ein Loch in die Tasche und schlürft den Fleischsaft genießerisch (Augen dürfen geschlossen sein) bis auf den letzten Tropfen. Dann verspeist man die trockenere Tasche mit ganz viel Milchtee. Zum Abschluss gibt es dann noch mehr Milchtee mit frittierten Hefeteig und süßer Kondensmilch (Sgushyonka). Wenn dann der Bauch noch nicht geplatzt ist, geht es weiter zur letzten Station in Russland: Ulan-Ude.

Keine russische Stadt ohne Lenin-Denkmal. In Ulan-Ude musste man die geografische Lage am Rande durch eine besonders große Huldigung wettmachen


Die Stadt ist fest in der Hand der buryatischen Bevölkerung und uns kommt ein starker mongolischer Flair entgegen. Nicht nur die Menschen sehen mongolisch aus. Viele Ladenschilder sind zwar dem Kyrillisch-Mächtigen von der Lautbildung verständlich, inhaltlich aber nicht mehr lesbar. Buddhistische Datsans (Tempel) trohnen über der Stadt und haben die orthodoxen Kirchen zu einer mickrigen Existenz in den Hintergassen getrieben. Der Hauptplatz der Stadt gehört aber dann doch der sowjetischen Vergangenheit. Ein 40 Tonnen schwerer Kopf gigantischen Ausmaßes natürlich unseres Lieblings Lenin trotzt Wetter und politischer Gegenwart und verabschiedet uns standesgemäß von Russland.

buddhistischer Tempel oder Datsan in Ulan-Ude


Kurz vor der russisch-mongolischen Grenze entscheiden wir uns noch für eine Pause, um ein berühmtes Datsan, das buddhistische Zentrum Russlands, zu besuchen und ein paar Gebetsmühlen zu drehen. Wie der Zufall es will ist buddhistischer Feiertag und so dürfen wir ein stundenlanges meditatives Gebet der Mönche mit Trommelschlag und Beckenklirren miterleben. An diesem Tag darf man sogar die leiblichen Überreste eines in den 1920er Jahren gestorbenen Mönches bestaunen, der ohne Klimabox oder technische Hilfsmittel die Verwesung verweigert. Die Einheimischen sagen, er ist ins Nirvana eingetreten, aber kraft der Erleuchtung trotzdem noch am Leben. Selbst sein Haar soll im kleinsten Millimeterbereich noch wachsen. Ohne eigene Erleuchtung aber mit viel Vorfreude fahren wir im Kofferraum zweier Mongolen an die Grenze und betreten tagsdarauf mongolisches Steppengebiet.

Ivolginskij Datsan - das buddhistische Zentrum Russlands, das auch schon vom Dalai Lama beehrt wurde






Abschlusskatze (sichtlich genervt von unseren bewundernden Blicken)

Abschiedssentimentalitäten

Drei Monate bot uns die russische Weite ein temporäres Zuhause: im Wald, an Seen und Flüssen, in Bergen und Tälern, in Steppen und Sumpfgebieten, bei Julias Familie und nicht zuletzt natürlich in den vielen Wohnungen unserer liebenswerten Couchsurfer. In keinem Land lagen für uns bisher grimmige Gesichter und herzerwärmende Gastfreundschaft, schroffe Abweisungen und immense Hilfsbereitschaft so nah beinander. Sie haben eine harte Schale, die Russen, aber einen sehr weichen und charmanten Kern.

Auch war es eine ganz besondere Erfahrung, mit sehr guten Sprachkenntnissen durch ein Land zu reisen, ein Luxus, den wir selten hatten. Das hat uns ermöglicht einen besonders intensiven Blick in den Alltag der Menschen zu werfen, ihnen näher zu begegnen, Freundschaften zu knüpfen.

Immer wieder aufs Neue waren wir von der Vielfältigkeit dieses riesigen Landes überrascht. Hinter dem, was wir als homogene russische Bevölkerung vermutet hatten, steckten natürlich Russen, aber auch Tataren, Bashkiren, Khakasier, Buryaten, Altaier, Tschetschenen, Dagestaner, Armenier, Georgier, Aiserbadschaner, Kasachen, Usbeken, Kirgisen, Ukrainer, Weißrussen, und eine Menge Russlanddeutscher. Sie waren orthodoxe und evangelische Christen, Altgläubige, Muslime, Buddhisten oder Anhänger des Schamanismus. Sie lebten als Selbstversorger auf dem Dorf, waren Arbeiter und Unternehmer, Industriekletterer und LKW-Fahrer, Kommissare und Atomkraftwerk-Ingenieure, Erdölarbeiter und Korruptionsbekämpfer, Jugend-Sozialarbeiterinnen und IT-Spezialisten, Businessfrauen und Grundschullehrerinnen, Kleinstädter und Jetleg-Metropoliten.

Russland hat aufgrund all dieser wunderbaren Menschen einen ganz besonderen Platz in unserem Herzen. Wir sind dankbar für all die Einblicke, die sie uns gewährten, und geloben hiermit feierlich, (immer) wieder zu kommen.

Literaturtipps

Auch in Russland haben wir uns mit die Zeit mit einiger landesrelevanter Literatur vertrieben, die wir hier mal zusammenfassen:


Dossier Russland der Bundeszentrale für politische Bildung: gutes Überblickdossiers, um ein halbwegs aktuelles Verständnis des Landes zu bekommen, von Politik und Wirtschaftsystem bis zur Popkultur. Für uns ein super Einstieg.




Ein historisch-literarisches Werk des Litertur-Nobelpreisträgers Solschenizyn zur Bloßstellung des systematischen roten Terrors im sowjetischen Lagersystem. Ein Standardwerk der poststalinistischen Tauwetter-Periode und laut Wikipedia eins der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Erschütternd und brutal, nichst für einen entspannten Abend, aber ein wichtiges Werk.




Die unter zwielichtigen Bedingungen an Putins Geburtstag ermordete Journalistin beschreibt schonungslos die tiefgreifenden Veränderungen Russlands in der Ära Putin: über neo-sowjetische Machtstrukturen, kriminelle Netzwerke, eine kaputte Justiz sowie Gesetzlosigkeit und Desinformation seitens des Staates.




Die Literatur-Nobelpreisträgerin Alexievich hat einen sehr besonderen Stil des dokumentarischen "Romans in Stimmen". Sie interviewt in diesem Buch zahlreiche Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zu ihrem Leben in der Sowjetunion, während und nach dessen Zusammenbruch bis heute. Absolut lesenswert wenn auch teilweise erschütternd und schwer verdaulich.



Und hier mal etwas Positiveres:
Michail Bulgakov ist ein früher sowjetischer Schriftsteller, der mit seinen kritschen sarkastischen Äußerungen bis in die Sechziger Jahren nicht in der Sowjetunion veröffentlich wurde, aber auf wundersame Weise nicht den großen Säuberungen 1937-38 zm Opfer gefallen ist. Für Viele gelten seine Werke als das Beste, was der russischsprachige Raum im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Humorvoll sartirische Kurz-Lektüre, die nach Menschentum und zivilisatorischen Fortschritt anhand des Schicksals eines Straßenhundes in den 1920er Jahren fragt.



Ironisches und sehr amüsantes Werk mit faustähnlichen Motiven: der Teufel persönlich sucht Moskau heim und richtet eine Menge Chaos an...


Kommentare