Turkmenistan: Wüste, Wüste und staatliche Paranoia


Die Mittagshitze an der iranisch-turkmenischen Grenze durchsticht ziellos schweifende Gedanken, während wir unseren Pass mal hierhin, mal dorthin zeigen.
Während die iranische Gesundheitsbehörde Julia keinen Menschen- sondern eher Besitzstatus von Jonathan zuteilt (Julia wird einfach zum Warten verdonnert, während Jonathan eidesstattliche Erklärungen über beider Gesundheit abgeben muss), ist der letzte Grenzbeamte eine halbe Stunde lang von ihrer Existenz als Spionin überzeugt. Zwei Pässe erweisen sich an Grenzübergängen als eher unpraktisch. Irgendwann klickt die Mechanik der Stempelmaschine und ein saftiges Schmatzen bedeutet einen Farbklecks im Pass, der unsere Ausreise erlaubt.

Zunächst unkompliziert werden wir in Turkmenistan von einer Bande Pfadfinder in Grenzschutzuniform begrüßt. Den meisten wächst noch kein Bart, aber das Grenzehüten ist in Turkmenistan auch ein eher ruhiges Geschäft. Manche Quellen vermerken für Turkmenistan weniger Touristenbesuch als für Nordkorea. Diesen "Mangel" an Tourismus kann man den Grenzbeamten dann auch anmerken. Ganz aufgeregt werden wir, die einzigen Einreisenden dieser abgelegenen Grenzstation, auf Englisch begrüßt und nach allerlei "Wie ist es denn in Deutschland?" zur intensiven Gepäckkontrolle gebeten. Während die sensibleren Dinge wie Reiseapotheke, Julias russischer Zweitpass, GPS-Gerät und Notfallpeilsender auf wenig Interesse stoßen, hat es beispielsweise das Kamerastativ den Bubis angetan. Minutenlang wird es hin und her gedreht und die Beine gebogen und am Ende soll Julia noch eine Vorführung der Funktionsweise geben.

Dann ist irgendwann Schluss und der ältere Vorgesetzte winkt uns durch, nicht ohne hinter vorgehaltener Hand vom Unterschied zwischen legalem Regierungskurs (1 Dollar = 4 Manat) und illegalen Schwarzmarktkurs des turkmenischen Manat in Kenntnis zu setzen (1 Dollar = ca.18 Manat)- nur so damit wir das auch wissen.

Entlassen in die dörrende Hitze turkmenischer Wüste versuchen wir unser Glück mit dem Trampen. 3 Stunden lang kauern wir uns in einen Fitzel Schatten, der von einer unbarmherzigen Sonne Schritt für Schritt vernichtet wird. Von 2 bis 3 unbrauchbaren Trucks abgesehen (die dürfen nach turkmenischem Gesetz nur 1 weitere Person aufnehmen) preschen vor allem Fliegen vorbei oder um unsere Gliedmaßen. Männer mit Goldzähnen und Pestizidkanistern besprühen über Stunden kümmerliche Büschel von Dekorativgras- die einzigen bemitleidenswerten Fleckchen Grün in der gesamten Umgebung. Und die nächste Toilette hat das gleiche Problem wie das ganze Land: kein Wasser. Uns beschleicht die Vermutung, das wird keine Liebe auf den ersten Blick, vielleicht nichtmal auf den zweiten.

Irgendwann geben wir unseren Plan auf und bezahlen ein Taxi durch wüstiges Niemandsland zum nächstgelegenen Dorf (die einzige Menschenansammlung für mehrere 50km). Unsere Unterkunft wird eine charmante verlassen scheinende Gaststätte, die die Sowjetzeit nicht verlassen wollte. Auch hier treffen wir wieder auf das "turkmenische Problem": kein fließend Wasser, dafür nette Nachbarn und nur 1,50$ Übernachtungskosten (dank unverhofft vorteilhaftem Schwarzmarkt-Wechselkurs).

Unsere Unterkunft: ohne Wasser, aber dafür mit unübersehbarem Sowjet-Charme

Da der turkmenische Staat ein wenig paranoid im Umgang mit Ausländern ist, gibt es für Touristen nur 2 Möglichkeiten eines Aufenthalts. Entweder man beantragt ein 5-tägiges Transitvisum mit festgeschrieben Einreise- und Ausreiseort, sowie genau dargelegter Reiseroute oder man bucht eine noch kontrolliertere und durchgeplantere Tour in einer Reiseagentur, bei der dann auch immer ein netter Aufpasser des Staates dabei ist. An der Grenze wurde uns dann noch eingeschärft, den Kontakt mit Einheimischen aufs Nötigste zu beschränken. Viele Menschen, denen wir auf der Straße begegegnen, sind für uns ungewohnt abweisend (insbesondere nach dem Gastfreundschaftswalhalla Iran). Sie starren uns etwas finster und misstrauisch an und grüßen häufig selbst auf freundlichen Zuruf nicht zurück, drehen sich weg, eilen vorbei. Eine englischsprachige Ausnahme gab uns die Erklärung, dass die Staatspropaganda vermittelt, Ausländer seien allesamt Spione, die die starke und unabhängige turkmenische Nation untergraben wollen. Bei unserem sehr kurzen Gespräch wurde auch er misstrauisch beäugt, was hat er denn auch mit den komische Ausländern zu reden und dann auch noch auf Englisch.

Die Farblosigkeit der Umgebung wird von den bunten und nach iranischen Verhältnissen unverschämt engen Kleidern der Turkmeninnen durchbrochen

Um nicht in etwaige unangenehme Bürokratie- oder gar Polizeimühlen zu geraten, beeilen wir uns rechtzeitig wieder aus dem Land zu kommen und fahren mit Bus und Übernacht-Zug durch die wüstigen Einöden Turkmenistans. Etwa alle 50 km stoppen wir auf den Busstrecken an einem Kontrollposten. Die Landschaft zeigt Wüstenvariante 26 von 100 und die Hitze schlägt wie mit dem Hammer auf den Kopf. Alle Insassen steigen aus und geben ihren Pass zur Dokumentationszwecken einem Militärbübchen, der gewissenhaft allerlei Informationen in ein dickes Matheheft schreibt. Ein Ausdruck verortbar zwischen Verwirrung und Verzweiflung breitet sich auf seinem Gesicht aus, sobald unsere Reisepässe an der Reihe sind. Schnell wird der ältere Vorgesetzte hinzugerufen, der uns unzufrieden auf Turkmenisch anschnauzt und dann zum beige-grauen Hörer eines Schnurtelephons greift. Einige schnell gewechselte Worte und böse Blicke später wurde dem ominösen Vorgesetzten am anderen Ende der Leitung Bericht erstattet und die Zustimmung zur Weiterfahrt eingeholt. Wir bekommen unsere Reisepässe wieder und dürfen das gleiche Prozedere an einem Ort der Wüstenvariante 17 von 100 etwa 50km von hier wiederholen.

Wüste, Steppe, Wüstensteppe: 90% der Fläche Turkmenistans sind fest in ihren Händen

Turkmenistan ist schon ein merkwürdiger Ort. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 machte sich der damalige Vorsitzende der kommunistischen Partei Turkmenistans Niyazov in abgekarterten Wahlen zum Präsidenten (später auch auf Lebenszeit) und lenkte fortan mit bizarrem Personenkult die Geschicke der jungen Nation. Gestützt durch sprudelnde Einnahmen aus einer der reichsten Gas- und Ölvorkommen der Region etablierte er eine autoritäre Politik, die jede Opposition im Keim erstickte und Presse- und Religionsfreiheit mit Füßen trat. Um sich und diese Neuerungen gebührend zu feiern, bereicherte Niyazov das ganze Land mit Goldstatuen natürlich von sich selbst (eine besonders große in der Hautpstadt wendet sich immer der Sonne zu) und mit einem autobiographischen Buch namens Ruhnama ("Buch der Seele"), das die Turkmenen in ihrer Kultur- und Seelsuche anleitet. Das Buch wurde dann nicht nur verpflichtender Bestandteil von Schulunterricht und Bibliotheken, sondern auch standardmäßig abgefragt bei der Führerscheinprüfung, Bewerbungsgesprächen und der Arztzulassung. Kein Wunder wurde der Turkmenbashi (also "Führer aller Turkmenen") doch auch von seinem Pressesprecher als "Prophet" und "mit göttlichen Gaben ausgestattet" ausgerufen. Der großmütige Niyazov wiederum erklärte, in einer Aussprache mit Gott übereingekommen zu sein, dass jedem 3-maligen Leser des Ruhnama ein Platz im Himmel winkt. Damit nicht genug benannte er Flughäfen, ganze Städte, Monatsnamen und Tage nach sich selbst oder seinen Familienmitgliedern um (Sprich Dienstag = Ruhnamatag). Ja, "Brot" sollte nicht mehr "Brot" heißen sondern "Gurbansoltan", nach seiner Mutter. Aber alles ja nur im Dienste der Turkmenen und ihrem Seelenheil, etwa das allgemeine öffentliche Rauchverbot, nachdem dem Turkmenbashi das Rauchen wegen Herzproblemen untersagt wurde. 

Bescheidenes Mahnmal für den alten Präsidenten
2006 starb der große Führer der Turkmenen und wurde adäquat ersetzt von Berdimuhamedow, dem Arkadag (also "Beschützer"). Schien dieser am Anfang gewillt den bizarren Personenkult des Vorgängers einzudämmen, ersetzte er später einfach die goldene Statue des Vorgängers mit einer gigantischen Komposition aus weißem Mamor und goldener Reiterstatue seiner selbst. Eine allseits bekannte Farbvorliebe ließ die Hauptstadt nach seiner Machtübernahme nicht nur zur Stadt mit der höchsten Weiß-Mamor-Dichte der Welt werden. Nein, ein präsidentieller Erlass zum Wohle aller Turkmenen (Januar 2018) sorgte mit ein Importverbot für schwarze Autos, dessen Umsetzung nebenbei Besitzer schwarzer Autos zum Umlackieren zwang, für doppelt weiße Straßen. 

So sieht sich Berdimuhamedow anscheinend selbst sehr gerne.

Wir haben dort ein seltenes schwarzes Autoexemplar entdeckt. So weit von der Hauptstadt konnte es der Zwangsumlackierung entgehen.

Fragt man Menschen nach der sozialen Lage oder etwa der auch hier grassierenden Inflation, bekommt man als Antwort, dass in Turkmenistan wirklich ALLES gut ist, sehr gut sogar. Besonders der Präsident ist gut. Schaut man dann um sich, so müssen sich doch zumindest Zweifel regen. Gewaltige menschenleere Prunkbauten in strahlendem Weiß mit grünem Dach nehmen große Teile der Innenstadt und Küstenlinien ein. Dazugehörige verschwenderische Palastgärten bringen Grün in die Wüste und sind Schattenspender in einer wasserarmen Region. Doch Menschen, die den Schatten genießen könnten, sind hier eindeutig Mangelware. Die Bevölkerung lebt weniger prunkvoll in baufälligen Plattenbauten aus Sowjetzeit (sogenannte Chruschtschowkas) und scheint mit Wichtigerem beschäftigt, als Entspannung am regierungstreuen Heldendenkmal. Regimekritik wiederum ist in Turkmenistan aber anscheinend den alten Großmüttern vorbehalten, die uns traurig und resigniert erzählen, dass ihre geliebten teils selbstgebauten Sommerhäuser für Prestigebauten abgerissen wurden- natürlich ohne Kompensation. Oder dass sie sich aufgrund der steigenden Preise kaum noch ihre Medikamente leisten könnten, dass Überwachung überall ist und sie sich nicht einmal trauen, ihren eigenen Kindern am Telefon zu erzählen, dass eben nicht ALLES so gut ist. Entsetzt werden sie in ihren Tiraden über Korruption und mangelnde Persönlichkeit des Präsidenten von der jungen Generation unterbrochen: "Oma, psssscht!!! Jetzt hör auf! Das kannst du doch nicht sagen". Es scheint so, als sei Oma aber die einzige, die das ungestraft sagen kann.

Spaziergang durchs Stadtzentrum von Serdar

Zur hektischen Abendzeit ist hier besonders viel los. Wir haben zwei andere Menschen getroffen.

Wir haben uns also durch alle 100 Wüstenvarianten durchgeschlagen, mindestens 20 mal unseren Pass verschiedensten Leuten vorgezeigt (vielen davon mehrfach), von denen die meisten gar keine lateinischen Buchstaben lesen konnten. Wir haben das Gesetz gebrochen, indem wir auf dem Schwarzmarkt Geld getauscht und bei unregistrierten Hotels übernachtet haben, als die legale Alternative ein Luxushotel für ca. 50€ pro Nacht bedeutet hätte und der legale Wechselkurs einfach meilenweit abseits der Realität ist.

Schiff im Hafen von Turkmenbashi (früher Krasnovodsk, heute nach dem ersten turkmenischen Präsidenten benannt)

Irgendwie taten und tun wir uns schwer mit Turkmenistan. Die Grundstimmung der Menschen wirkte auf uns häufig misstrauisch, die des Staatsapparats gänzlich paranoid, die glühende Hitze bedrohlich. Andererseits haben wir aber auch in Turkmenistan nette, interessante und interessierte Menschen getroffen, die uns freundlich gesonnen waren oder geholfen haben. Auch hier gab es Menschen, die uns in ihre Welt haben blicken lassen wie unsere mehrgenerationale und teils von unserer Ankunft begeisterte Gastfamilie oder die unglaublich liebenswürdigen und hart arbeitenden Knüpferinnen und das Wachpersonal einer Teppichfabrik, in die wir zufällig gestolpert sind.

Sonnenuntergang in Turkmenbashi. Auf der andren Seite zu sehen ist Awaza, ein megalomanisches Tourismusprojekt des Präsidenten, dem die Sommerhäuser der Lokalbevölkerung weichen mussten.

Und dann wieder gab es da den Grenzübertritt von Turkmenistan nach Kazachstan. Am 4. von 5 Transit-Visumstagen kamen wir an in dem sehr be- aber nicht anschaulichen Grenzdörfchen Garabogaz. Als wir versuchen eine Mitfahrgelegenheit an die Grenze für den nächsten Tag zu organisieren, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass die Grenze doch gar nicht passierbar sei. Ein bisschen aufgeschreckt (wir wollten unsere Visumsdauer auf keinen Fall überschreiten, aber auch sonst eher morgen als übermorgen raus aus diesem Land) marschierten wir in die nächste Polizeistation, was sich in Turkmenistan etwa so anfühlt wie als Fliege freiwillig ins Spinnennetz zu fliegen. Dort winkte man ab, die Grenze sei offen, alles kein Problem, aber - um sicher zu gehen - schaut doch noch mal bei der Migrationspolizei vorbei. Die wiederum wollten natürlich als erstes unseren Pass sehen, den uns die Hotel-Angestellte zur Registrierung bei der Migrationspolizei abgeknüpft hatte. Schnell zurück im Hotel warten schon zwei zuvor alarmierte Migrationspolizisten auf uns, die natürlich gerade unsere Pässe studieren. Als sie fertig sind, geht es zurück zur Station der Migrationspolizei und hier beginnt wieder das gleiche Inspizieren unserer Pässe. Dann verkündet ein gutgelaunter Mittvierziger mit breitem Goldzahnlächeln: Ja, die Grenze ist eigentlich geschlossen wegen einer Meningitis-Epidemie in Kasachstan, aber für euch machen wir eine Ausnahme. Alles gar kein Problem!

Kaspisches Meer


Guter Dinge fahren wir am nächsten Tag per Taxi an die Grenze, 40 km mehr Off- als Onroad in das turkemnische Niemandsland. An der ersten Schranke angkommen, gibt es auch schon die erste Schlappe. Ein Armeeoffizier kreuzt seine Arme: "Die Grenze ist geschlossen." Wir bleiben gelassen, das wüssten wir doch schon alles, aber es sind doch wir, sie sollen uns also einfach durchlassen. Es dauert eine Weile bis wir begreifen, dass die Grenzbeamten es wirklich ernst meinen und bis wir das bürokratische Wirrwarr besser durchblicken: während die Migrationspolizei (bei der wir unsere Auskunft eingeholt haben) ganz normal weiter operiert, sind es die Grenzbeamten (anscheinend eine separat agierende Behörde), die die Grenze geschlossen haben. Was uns also zum Verhängnis wird sind ungelogene 100 Meter zwischen Grenzbeamtenhäuschen mit Schranken und Migrationsbeamtenpalast, die wir aber partout nicht passieren dürfen. Wir packen unsere besten Überredungskünste aus und argumentieren mit allem, was wir auffahren können, doch die Antwort ist immer die gleiche: "Die Grenze ist geschlossen, wir können nichts tun." Wir sollen nach Ashgabat fahren und von dort ausfliegen, das sei die einzige Möglichkeit. 

Wir verfallen langsam in Panik: In unserem Visum ist genau dieser Grenzberagng als derjenige festgehalten, an dem wir das Land zu verlassen haben. Es ist der einzige Grenzposten zu Kasachstan. Kasachstan ist das einzige Land, in das wir von Turkmenistan aus ohne Visum einreisen können. Hinzu kommt natürlich, dass unser Visum am selben Tag abläuft, was bedeuten würde, dass wir in diesem Land, in dem wir häufiger nach unseren Papieren gefragt wurden als in unserem gesamten bisherigen Leben, ohne gültige Papiere unterwegs wären. Ashgabat ist ca. 800 km entfernt, schnell überschlagen im Kopf macht das in Turkmenistan ca. 16 Polizeiposten...die Vorstellung jagt uns auch jetzt noch Angst ein. Und dann ist da das Problem mit dem Ausfliegen: wir ahnen, dass solch ein Flug sündhaft teuer werden würde, heute wissen wir, dass es schlappe 500€ pro Person gewesen wären. In anderen Worten: diese turkmenische Grenzaktion wäre der absolute Ruin für unsere knapp kalkuliert Reisekasse.

Etrek, Grenzstädtchen in der Nähe des Irans

Alle Überredungsversuche nutzen nichts. Wir werden nach über 3 Stunden Hin und Her und sogar einem erfolglosen Anruf bei dem zuständigen Minister 'endgültig' abgewiesen und nach Ashgabat geschickt. Der nette Goldzahn-Chef der Migrationspolizei, dem das alles furchtbar Leid tut, besorgt uns einen Ride mit einem LKW in die nächste Stadt, was natürlich auch illegal ist. (LKWs dürfen die Grenze übrigens natürlich passieren, denn man darf ja beim willkürlichen Grenzenabsperren keinen wirtschaftlichen Schaden verursachen, das wäre ja blöd.) Wir fahren ca. 20 km und fangen gerade an, uns gedanklich auf die Situation einzustellen und den Schlamassel zu akzeptieren, wie er ist, als ein Jeep aus dem Nichts hinter uns auftauchend vorbeiprescht und filmreif in einer Staubwolke neben uns zum Stehen kommt. Ein Paar uniformierter Beine steigt aus der Fahrerkabine aus und unser LKW-Fahrer hält an. Der Jeep, der es so eillig hatte, gehört einem Migrationsbeamten, der uns jetzt auffordert schnell bei sich einzusteigen. Er hätte Anweisungen, uns zurück an die Grenze zu fahren, es gäbe vielleicht doch eine Möglichkeit. Freude würde er uns jedoch nicht empfehlen, das hieße alles noch nichts.

Die 20 km zurück an die Grenze können wir aufkommende Freude nicht verhindern, immerhin hätte man uns doch nicht einfach so wieder aus der LKW-Kabine gezerrt. An der Grenze angekommen steigt unser Fahrer aus und bittet uns ganz kurz im Auto zu warten, während er Rücksprache mit seinem Chef hält. In den nächsten 4 Stunden haben wir dann Zeit uns sehr intensiv mit allen möglichen Grenzübertrittsszenarien auseinanderzusetzen, denn es passiert gar nichts. 4 Stunden verwelken wir in einem zur Sauna mutierenden Auto irgendwo im baumlosen Niemandsland eines verödeten Grenzpostens, dem jegliches Zeichen von Betriebsamkeit fehlt. Von unserem unfrewilligen Wachposten aus, verfolgen wir mit Argusaugen jede Staubwolke, die sich in der flimmernden Hitze hebt und senkt. Mit jeder zäh zerschmelzenden halben Stunde löst sich auch ein bisschen unserer Hoffnung in verzweifelte Luft auf, bis wir 45 Minuten vor abendlicher Grenzschließung jedes Ende dieser Episode, wenn's denn endlich ein Ende ist, herbeisehnen.

Plötzlich kommt hektische Betriebsamkeit auf, ein Migrationspolizist kommt aus einem Häuschen gespurtet und teilt uns mit: "Ihr könnt durch. Aber die Grenze schließt gleich, also los jetzt!". Anscheined haben die Grenzbeamten, während wir zu Unrecht ihre Unnachgiebigkeit verflucht haben, eine Anfrage in die Hauptstadt gesendet und somit extra für uns eine Öffnung der Grenze erwirkt! Unbändige Freude bricht sich Bahn und wir schultern die Rucksäcke im Laufschritt. Endlich dürfen wir die 100 Meter zwischen Grenzbeamten und Migrationspolizei hinter uns legen, um im Eilschritt zur Gepäckkontrolle zu gelangen. Ordnung muss schließlich sein und dieses Kamerastativ sieht ja wirklich verboten rätselhaft aus... Mit einer Weltbestzeit im Rucksack-Wieder-Zusammen-Packen rennen wir über die turkmenische Grenzseite und zeigen unseren Pass ein letztes Mal irgendeinem Militärknaben. Dann sind es nur noch 20 Minuten bis zum Grenzschluss auf kasachischer Seite und noch 3 km - mit unserem Gewicht auf dem Rücken gar nicht mal so leicht. Angetrieben vom Wunsch auf gar kein Fall im Grenzgebiet zwischen Turkmenistan und Kasachastan schlafen zu wollen, bringen wir es zu einem Endspurt. Schweißgebadet tauchen wir 5 Minuten vor Grenzschluss vor zwei kasachischen Beamten auf, die ein bisschen über uns lächeln und anstandslos einen Einreisestempel geben. Willkommen in Kasachstan!

Katzen <3







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