Iran: ein Abschied mit Hürden

Wie war's denn nun im Iran?

Auch mit einigen Wochen Abstand gibt es auf diese Frage für uns keine klare Antwort.

Der Iran war viel. Häufig ein sehr schönes Viel, ein Viel an Abenteuer, ein Viel an kultureller Andersartigkeit, aber manchmal halt auch zu viel. Noch in den letzten Tagen im Iran werden Dinge, von denen wir dachten, sie verstanden zu haben, zum Problem.

So sind die Erlebnisse der letzten Tagen im Iran ein Sinnbild für die Widersprüchlichkeit, Vielfalt und Unberechenbarkeit eines Landes, das uns auch nach einem Monat Reiseerfahrung wie Greenhorns des ersten Tages darstehen lässt. Mit wenigen Geldscheinen in der Tasche, erreichen wir Gorgan am Donnerstagnachmittag (nach westlicher Entsprechung: Samstagnachmittag). Konnten wir den gesamten Monat zuvor unseren Bargeldbedarf ohne Beanstandung in Wechselstuben decken, begeben wir uns jetzt in einen Wettlauf gegen die Öffnungszeiten, den wir nur verlieren können. Trotz liebenswürdiger Hilfe erreichen wir die Geldstube mit geschlossenen Gittern und entmutigt bilden wir davor kauernde einen trostlosen Anblick. Das verbleibende Geld (etwa 2,50 €) muss jetzt mindestens 2 Tage reichen.

Heimliches Mittagsmahl im Hotel, da draußen der Ramadan wütet

Glücklicherweise hatten wir schon zuvor eine Einladung von Hussein angenommen, der uns zu Abend ausführen wollte. Statt erwarteter Imbissbude und Familienphoto-Dauerschleife fährt eine schnittige Maschine vor, aus der ein frischpafümierter Hossein austeigt, um uns die Türen aufzuhalten. Mit Höchstgeschwindigkeit geht es zum aufstrebenden Mittelschichtsgipfel, dem Restaurant "Aelton". Durch üppig angestrahlte und von der amerikanischen Idee der Repräsentativität inspirierte Gartenanlagen geht es in eine große Halle laut zwitschernder Menschen. Von weitem erspährt der geübte Restaurantmanager Auslandsgesichter und rauscht heran, um uns persönlich die Hand zu drücken, mit französisch zu imponieren und eine deutsch-iranische Willkommensbeflaggung aufzutischen. Hussein und Manager beraten sich über die beste Gerichtswahl und Minuten später fliegen Teller von Salat, Schaschlik- und Kebapspießen zu unserem Tisch. Das laute Tönen der restlichen Gäste schwächt sich ab, sobald die wohlig-tiefe Stimme eines national bekannten Sängers von der Bühne ertönt. Mitgerissen wandelt sich der Saal in einen ausgelassenen Festplatz von grölendem (im Iran verbotenen) Frauengesang. Arme schwingen durch die Luft, Hände drehen sich rhytmisch und Finger schnippsen mit so viel ansteckender Freude, das selbst dem ernsten Hussein ein Lächeln übers Gesicht huscht.

Auf einmal wird ein Geburtstagslied für das angrenzende Separé angestimmt, der Saal stimmt mit lautem Gedrön in den Chorus ein und der Manager kommt angerannt, um Jonathan vor versammeltem Publikum ins Separé zu zerren, damit der Geburtstagsjunge auch von einem dahergelaufenen Deutschen beglückwünscht werden kann. Nur langsam erholt sich Jonathan vom wohl peinlichsten Moment seines Lebens und schon sind weiteren Lokalhelden die Hände zu schütteln. Irgendwann geht es zurück ins Hostel-Zimmer, zurück in die finanzmittelarme Normalität.

Irgendwo im Nirgendwo


Dem Hungertod von der Schippe springen

Naja, nicht wirklich. Nachdem wir am Freitag unsere Essensvorräte aufbrauchen, ziehen wir am Samstag aus auf der Suche nach einer Tauschmöglichkeit für unsere Euros. Angekommen an der angepeilten Wechselstube überrascht uns der Besitzer mit der Aussage, dass es ihm sehr leid tue, aber der Wechsel von Geld derzeit (seit einem Monat) illegal sei. Wir könnten es bei einer Bank versuchen. Ungläubig - bisher hatten wir mit dem Geldwechsel eher das Gegenteil von einem Problem - versuchen wir es zunächst an einer weiteren Wechselstube, um mit der selben Begründung abgewiesen zu werden. Kurzzeitig machen wir uns Sorgen: einen Monat lang haben wir ohne Kenntnis der gesetzliche Regelung problemlos Geld getauscht und 3 Tage vor der Ausreise soll in einer Bank zu regierungstreuem Kurs (halb so viel für den Euro) getauscht werden. Unglücklich, aber nicht hoffnungslos machen wir uns auf zu einer Bank.

Dort angekommen werden wir auch hier auf die Illegalität unseres Vorhabens hingwiesen. "Seit diesem Monat darf keinerlei Geld mehr getauscht werden, für niemanden, und auch nicht bei Banken. Nirgendwo!" Wir stürzen uns vor. "Und wie sollen wir dem Hungertod entgehen?", kreischt Jonathan dramatisch. Der Bankangestellte schüttelt nachdenklich den Kopf. Jonathan scheint einen technischen Fehler in der Gesetzeslage aufgedeckt zu haben, die Ausländern weder Kreditkartenzugang noch Geldwechsel erlaubt. "Ich habe da einen Freund bei einer Wechselstube. Vielleicht kann er euch helfen." Zurück in der anfänglichen Wechselstube, können wir jetzt nicht nur Euro in Rial, sondern sogar in Dollar für Turkmenistan tauschen. Die gesetzlich Regelung ist schnell vergessen, es bleibt nur ein kleiner Schreck zurück.

Das kleine aber nicht-beschauliche Dorud weist ein kleines stadplanerisches Problem auf: jemand hat eine riesige, hässliche, mittlerweile langsam zerfallende Zementfabrik mitten in die Stadt gebaut. Sehr charmant.

Und genau solche Geschichten stehen uns im Sinn, wenn wir von der Ambivalenz zwischen einer strengen und andersartigen Ordnung auf der einen und dem menschlich-herzlichen improvisierenden Umgang damit auf der anderen Seite schreiben. Der Iran hat zwar viele Verbote, aber ebenso viele Wege darum herum. Es bleibt jedoch der bitteren Nachgeschmack unsinniger politischer Willkür, die jederzeit irgendwo einschlagen kann. Da wird kurzerhand allen sich im Iran befindnenden Ausländern jedes legale Mittel der Geldbeschaffung untersagt. Schlimmer trifft es aber all die Betreiber von Wechselstuben deren Lebensgrundlage schlicht per Beschluss für illegal erklärt wird. Wie genau es für diese Menschen weitergeht, weiß niemand. Und doch war auf die Hilfsbereitschaft der Iraner immer Verlass, die mehrfach bereit waren Gesetze zu Richtlinien werden zu lassen, wenn sie unsere Notwendigkeit dafür erkannten.

Die Pinke Moschee in Shiraz.

Nachdenkliches und fasziniertes Kuppeldecken-Anstarren. Eine häufige Beschäftigung in Isfahan.

Unser Fazit

Begeistert hat uns die landschaftliche sowie kulturelle Vielfalt, die sich uns hier geboten hat. Auch die Gastfreundschaft übersteigt alles von uns bisher Gesehene, aber manchmal eben auch unsere Kapazitäten. Hinter uns liegt ein intensiver Monat, der sich angefühlt hat wie drei. Hijabpflicht und Ramadangebot haben ihren Teil dazu beigetragen.

Noch sind wir dem Iran nicht gänzlich verfallen, aber wir würden und werden wiederkommen (hoffentlich schon gegen Ende unserer Reise). Das nächste Mal mit noch ein bisschen mehr Ruhe im Gepäck und hoffentlich auch ein bisschen mehr Farsi.


Grüne Wiesen in Kurdistan

Trockene Wüste in Khuzestan

Ebenfalls ein häufiges Bild bieten die vielen brennenden Ölfördertürme.

 

Noch mehr vom Iran?

Für Interessierte fügen wir hier einige Bücher an, die unseren Weg im Iran begleitet und bereichert haben. (Alle Bücher sind auch in deutscher Sprache erhältlich.)




City of Lies: Love, Sex, Death and the Search for Truth in Tehran. Von Ramita Navai. Eine auf wahren Begebenheiten beruhende Anekdotensammlung über den Alltag in Teheran, der voller Lügen ist und sein muss, um im modernen Iran zu überleben.



Reading Lolita in Tehran: a Memoir in Books. Von Azar Nafisi. Eine vielschichtige Betrachtung der Veränderungen nach der iranischen Revolution aus weiblicher Perspektive und mit viel Liebe zur darin betrachteten Literatur.







The Blind Owl. Von Sadegh Hedayat. Dieser mystische, traum- und alptraumhafte oder am ehesten opiumtraumhafte Roman gilt als ein zentrales Werk der persischen Literatur und erinnert etwas an Edgar Allen Poe. 

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